Partizipation am Bau

Anleitung für die Projekttage der 5. Klasse der evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen den Entwurf der neuen Jahrgangsstufe betreffend:

 

Je ein ArchitektIN aus dem Architekturbüro werden je eine Klasse betreuen.

 

Auf der fachlichen Ebene sollten die Lehrerinnen und Lehrer so „naiv“ mitarbeiten wie die Kinder, auf der pädagogischen Ebene erwarten wir jedoch die „professionelle Unterstützung“.

 

Die Arbeitstage sind wie folgt strukturiert:

 

partizipation-01-messen1. Einführung in die Problematik:
Wir planen unser eigenes Klassenhaus, können wir das überhaupt?

Ja, wir können es, weil die Personen, die in diesem Klassenhaus leben werden, alle vorhanden sind, das heisst, wenn wir wissen wer – wann – wie – was – wo – warum benötigt, kann niemand besser als wir alle selbst unsere eigenen gebaute Umwelt bestimmen.

 

Dazu die Grundlagen:

 

2. Schülerinnen und Schüler müssen wissen, wie gross wir sind, wieviel Platz wir brauchen, welche Tätigkeiten wir ausüben; dazu der Schritt: wir messen uns gegenseitig aus: Höhe, Griffweite, Sitzhöhe, Griffweite im Sitzen usw. usw. machen hierzu Skizzen, möglichst maßstäblich im M 1:10 und formen eine Puppe im M 1:10 von uns selbst ein Modell von jeder/m. Dieser Arbeitsschritt soll sehr viel Spass machen und emotionale Zuwendung zum Projekt bringen.

 

partizipation-02-figuren3. Wir unterhalten uns über die Tätigkeiten, was wir alles in der Schule während der Schulzeit getan haben und zwar zuerst bezogen auf das Klassenzimmer.
Was benötigen wir zum Schreiben, z.B. einen Stuhl, einen Tisch.
Was benötigt die Lehrerin z.B. eine Tafel, auch einen Tisch, auch einen Stuhl usw.
Was benötigen wir alle, z.B. ein Waschbecken, einen Garderobenhaken, ein Regal usw.
Wir messen unsere Tische und Stühle aus und bauen diese aus Ton.

 

4. Jetzt haben wir 30 Puppen und auch Mobiliar und auch die Puppe der Lehrerin und die Tafel in Ton geformt und überlegen, wie groß unser Klassenzimmer sein muß.
Dazu messen wir den Raum aus, in dem wir uns befinden und stellen fest, ob dieser optimal ist oder ob etwas verbessert werden könnte.

 

Wir legen uns mit Meterstäben die Fläche im M 1:10 aus, von der wir glauben, dass wir sie benötigen würden und stellen fest, dass unsere Modellunterlage (90 cm x 140 cm), die die Bodenplatte darstellt, die bereits in Beton realisiert wurde, ausreichen wird.

 

partizipation-03-modell5. Jetzt diskutieren wir, was schön wäre, eine Klasse – NEIN, – ein ganzes HAUS – Ja !!
Was ist der Unterschied zwischen einem Zimmer und einem Haus.
Wir diskutieren, was ein Haus ausmacht:

Eine eigene Eingangstür, vielleicht mit einem Vordach, eine eigene Garderobe, ein eigenes WC, einen eigenen Flur, ein Wohnzimmer, eine Küche, ein Schlafzimmer usw. und übertragen das auf unser Klassenhaus.
Ja zu einem eigenen Haus gehört eigentlich auch ein eigener Garten und auch dieser wird diskutiert.
Wir schreiben dies auf, vielleicht wird einer Stichworte auf der Tafel notieren, eine Art Brainstorming. Architekten/innen und Lehrer/innen dokumentieren ebenso wie die Schüler/innen die einzelnen Schritte, eine Art Protokoll ist bereits entstanden.

 

Jetzt zeigen die Architekten wie man mit Holz baut.

 

Anhand der mitgebrachten dünnen Stäbe erklären wir, dass diese im M 1:10 gedacht sind, d.h., 5 cm sind 5 mm, 25 cm sind 25 mm. Es wird erklärt, warum das hochkant stehende Profil besser zur Überbrückung einer gewissen Spannweite zwischen zwei Tischen geeignet ist, als das liegende.

 

partizipation-04-modellDie Leisten werden an die Kinder verteilt und sie überprüfen dies. An der Tafel und mittels Modellen wird erläutert, wie z. B. ein senkrechter Stab und noch ein senkrechter Stab, durch ein oder zwei Träger, die ebenfalls von zwei Schülerinnen gehalten werden, so mittels zweier Zwingen oder Wäscheklammern, die von anderen Schülern oder vom Lehrer oder vom Architekten angesetzt werden, zu einem ähnlichen Tragwerk zusammengefügt werden kann.
Wir fertigen zwei oder drei oder auch fünf solcher Joche, indem möglichst viele Kinder beteiligt werden und stellen diese auf zwei Tischen so zusammen, dass wir, wenn wir Querhölzer, einen Raum erzeugen können.
Natürlich kann fallweise, je nachdem wie die Arbeit läuft, über die Verwendung von Fenstern und ob es sinnvoll ist, diese nach Süden, Osten, Westen oder Norden auszurichten, sollte gesprochen werden. Süden bedeutet viel Licht, dadurch aber auch viel Schatten und der Zwang zur Verschattung mittels Sonnenschutz. Fenster nach Norden sind optimal, weil sie das Licht hereinlassen, aber die Blendungsenergie abfangen, der solare Gewinn ist nicht notwendig, da alle Schüler sozusagen kleine Öfen darstellen und eigentlich nicht die Beheizung von Klassen das Problem ist, sondern die Belichtung.

 

partizipation-05-modell6. Je nach Möglichkeit werden jetzt schöne spielerische Modelle gemacht, die noch sehr „weich“ sind, das heißt, bei denen die Festlegungen noch nicht so hart getroffen sind.

 

7. Die Abstimmung erfolgt dann bei der Schlußvorstellung, indem nämlich alle Häuser zusammengetragen werden und mit Hilfe der Architekten und in lebhafter Diskussion entschieden wird, wer an die beiden Enden der Zeile rückt, wer in der Mitte neben wem usw….
bis man weiß, wo die einzelnen Klassen auf dem Grundstück bzw. auf der Grundplatte angeordnet sein werden.

 

8. Mit großem HALLO und glänzenden Augen, insbesondere auch seitens der Schulleiter und von den Architekten wird die ganze Maßnahme gewürdigt, es wäre schön, wenn möglichst einige Eltern dabei wären und voller Stolz endet die erste Phase der Projektarbeit.

 

9. Die Architekten haben die Aufgabe, aus den Ideen der Kinder ein baubares Haus zu entwickeln, bei dem nach Rücksprache mit dem Tragwerksplaner Werkpläne im M 1:10 zu erstellen sind, auf deren Grundlage die Schülerinnen und Schüler ein baubares Haus erstellen werden.

 

partizipation-06-modell

10. Sechs Wochen später finden noch einmal zwei Projekttage statt, die folgendermassen strukturiert sein werden:

 

11. Die Architekten gehen wiederum in ihre Klassen und diskutieren noch einmal mit den Kindern den Verlauf der ersten zwei Projekttage, insbesondere, was man glaubt, noch besser machen zu können usw. und erläutert dann die neue Aufgabe, bei der es darum geht, jetzt ein exaktes Modell des eigenen Klassenhausentwurfes zu realisieren.

 

12. Es werden grosse 1:10 Originalpläne verteilt, so dass in Gruppen von jeweils drei bis vier Kindern die wiederum mitgebrachten Holzleisten massgenau zugesägt werden können und diesmal mittels Leim und Nägeln zu einzelnen Jochen oder Fassadenteilen oder Fachwerkträgern zusammenmontiert werden.
Die Kinder arbeiten erstaunlich präzise und sind voll bei der Sache, es entwickelt sich ein Art Konkurrenzgefühl, jeder will der Schnellste, aber auch der Beste sein.

 

13. Die ersten Elemente werden zusammengestellt und man erkennt schon, was man aus statischen Gründen hat anders machen müssen. Dieses wird erläutert und auch sehr schnell akzeptiert.

 

partizipation-07-modell14. Am Morgen des letzten Projekttages wird nunmehr das gesamte Haus zusammengefügt und vervollständigt, so dass man ein realitätsnahes Bild von der Lage der Klasse, der Galerie, der Dachterrassen sowie des Eingangsbereichs mit den WC’s bekommt und darüber angeordnet das Lehrerzimmer und einige Differenzierungsräume.

 

15. Einige, die bereits früher fertig waren, haben begonnen, Menschen aus Pappe im Maßstab 1:10 auszuschneiden, kleine Möbel zu bauen, auch Tafel- und Lehrerpult, so dass zur Mittagszeit alle Häuser fertig gestellt sein werden.

 

17. Um 13.30 Uhr werden die Modelle alle in die Halle getragen, wo bereits auch die Ergebnisse der ersten Projekttage aufgestellt wurden. Das zusammengestellte neue Haus wirkt ausserordentlich perfekt und erfüllt alle Schüler und Schülerinnen mit grossem Stolz, so dass man gespannt ist, wie die Eltern und die Presse das fertig gestellte Gesamtergebnis aufnehmen wird.

 

18. Um 14 Uhr findet dann unter grossem Gejohle die Pressekonferenz und der Beginn eines gemeinsamen Festes statt, bei dem es schwer sein wird, sich Gehör zu verschaffen.
Dies wird eine grosse Herausforderung für Peter Hübner sein, mal sehen, ob es ihm auch diesmal gelingen wird.

 

Aufgestellt: Neckartenzlingen, den 20.10.1999

Partizipation am Bau

von Schulen

Schule wird von uns als ein Interaktionsprozess zwischen Lehrern, Schülern und bestenfalls auch Eltern verstanden, als ein Stück Lebensaktivität für alle Beteiligten.

Den Lebensraum, die schützende Hülle für diesen Lebens- und Erziehungsprozess, stellt das Schulgebäude mit seinem Umfeld dar und ihm kommt, wie wir nach dem Bau von bisher acht Schulen wissen, eine weit wesentlichere Bedeutung zu, als viele Architekten und Pädagogen ahnen.

Genauso wie zwischen Lehrenden und Lernenden so etwas wie ein positives Beziehungsgeflecht an emotionalen Bindungen entstehen kann, so gibt es dieses auch zwischen Mensch und Haus:

Wir Menschen sind geradezu hausbedürftig; Häuser geben uns nicht nur physischen sondern auch psychischen und sozialen Schutz und Geborgenheit. Es gibt so etwas wie die Aura eines Ortes, die dann entsteht, wenn eine hohe Übereinstimmung zwischen den Wünschen und Bedürfnissen der Nutzer und der gebauten Umwelt existiert.

Wir haben lange gebraucht, um herauszufinden, worin dieses Besondere besteht und wie es auf nahezu selbstverständliche Art und Weise entstehen kann. Wenn man den Entwurf und den Bau von Häusern, insbesondere Kindergärten und Schulen nicht als einen diktatorischen von wenigen Spezialisten zu leistenden Schöpfungsakt sieht, sondern als einen langsam wachsenden Prozess, bei dem unterschiedliche Personen und möglichst auch viele spätere Nutzer sich ideell und tatkräftig einbringen können, dann entsteht so etwas, wie eine maßgeschneiderte Lebensumwelt.

Wir haben entdeckt, dass gerade der Anfang eines solchen Entwicklungsprozesses von ausschlaggebender Bedeutung ist und es darauf ankommt, den Laien ein Gefühl zu vermitteln, dass gerade ihre Wünsche, Anregungen, Ideen und Kreativität gewünscht und gewürdigt werden.

Das spätere Haus fängt diesen Entwurfsprozess in all seinen unterschiedlichen Facetten ein und bildet ihn auf geheimnisvolle Weise irgendwie ab, indem jeder Mensch, der ein solches Gebäude später betritt, das Gefühl haben wird, hier hätte etwas ganz Besonderes stattgefunden:

Häuser erinnern die Geschichte ihres Gemachtseins. Auf subtile Weise werden die Spuren der verschiedenen Personen, ihrer Herzen und Hände sowohl konserviert als auch für Dritte lesbar gemacht: Dies ist ein Phänomen, von dem nicht nur gewachsene Städte sondern auch viele unter Planungspartizipation und Selbsthilfe entstandene Häuser künden.

Das ganz besondere Ambiente, die individuelle Ausstrahlung und das Persönliche verwandeln Artefakte in echte Individuen, die so etwas wie Eigenleben und Charakter ausstrahlen.

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