Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen

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Klassenhäuser 1 bis 6

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Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen

Schule als Teil der Stadt

Als ein IBA Emscherpark – Projekt wurde die Evangelische Gesamtschule in Gelsenkirchen-Bismarck als ökologische, multikulturelle Familien- und Stadtteilschule ausgelobt und von uns ab 1998 mit einem um 30 % gekürzten Etat außerordentlich kostengünstig realisiert.

30 % türkische Schüler und Schülerinnen leben und lernen mit evangelischen und katholischen harmonisch zusammen und werden über sechs Jahre (Klasse 5 – 10) vom gleichen Lehrertandem betreut. Es gibt muslimischen und christlichen Unterricht, Türkisch ist anerkannte Fremdsprache.

Selbstverantwortliches ökologisches Handeln wird durch eigene Zuständigkeit für Haus und Garten geübt.

Die Schule liegt in einem sozialen Brennpunkt des Ruhrgebietes und versteht sich als Stadtteilschule: Der Stadtteil wird zum Lernort und die Schule ein Teil der Stadt, mit Stadthaus, Theater, Bibliothek und Sporthalle, die stadtteiloffen von den Bürgern benutzt werden können.

 

Dr. Manfred Sack, Hamburg; zur Einweihung der EGG

Schulbau ist ein Prozess oder die Symbiose von Erziehung und Architektur

Das Undenkbare endlich einmal denken! Doch, doch, es geschieht immer mal wieder. Man rüttelt tapfer an ausgetrockneten Gewohnheiten, bringt so genannte Verantwortliche in Verlegenheit oder Rage, verstrickt sich mit seinen verblüffenden Ansichten in der fassungslos, oft brüsk reagierenden Bürokratie und scheitert meistens. Alle scheuen die Verantwortung für etwas unerprobtes Anderes. Wie schwierig nun aber erst, etwas scheinbar ins Utopische langendes Gedachtes anzupacken, mehr, es tatsächlich zu machen. Schon glaubt man sich genötigt, von einem Wunder zu sprechen, wenn etwas niemals Dagewesenes wahrhaftig gelingt, wenn man verblüfft bemerkt, wie selbstverständlich das Experiment auf einmal funktioniert, genau so, wie man es sich ausgedacht hatte und wie auf einmal von überall her Beifall zu hören ist. War also der ungewöhnliche Typus, den die Evangelische Gesamtschule im Gelsenkirchener Stadtteil Bismarck darstellt, vorher undenkbar? Eine Kühnheit?

Ach! Möchte man sagen und ein kleines Gelächter hinterherschicken. Ach, es hatte die Idee nur jemand haben und dafür das vorzufinden oder herbeizuführen müssen, was man glückliche Umstände nennt. Sie haben sich hier wunderbarerweise eingestellt. Und es scheint, als hätten sie sich vor allem in der IBA, der Internatioalen Bauausstellung Emscher Park und ihrem spürsinnigen, ermutigenden Leiter Karl Ganser versammelt. Er hörte von der Idee, ließ sich vom vormaligen Schulleiter Fritz Sundermeier überzeugen, gewann seinen ehemaligen Ministerpräsidenten Johannes Rau, der den Widerstand in diversen Verwaltungen gegen das vermeintlich Undenkbare erschütterte und die Unternehmung ins Werk zu setzen half. Er nannte es ein „kleines Märchen“. Freilich hätte es sich niemals ereignet, wenn dafür nicht zwei Metiers verschiedener Art eine Symbiose eingegangen wären: die Pädagogik und die Architektur.

Darin liegt tatsächlich das Außerordentliche. Es schmälert den überraschenden Erfolg kein bißchen, daß der Architekt Peter Hübner längst schon woanders Schulen und Jugendheime verwandten Geistes entworfen und mit den späteren Benutzern als den eigentlichen Bauherren geplant, oft sogar mit ihnen zusammen hat errichten lassen. Lehrt nicht die Erfahrung, daß das, woran man selber Hand angelegt hat, besonders geachtet und gepflegt wird? Übernommen hat er davon vor allem die Prozedur. Denn das Bild der Bismarcker Gesamtschule, die Gestalt des Ganzen wie der einzelnen Bauten, ihre Konstruktion, Art und Beschaffenheit der Räume, ihre städtebauliche Anordnung sind hier so einmalig wie nur möglich.

Dies fügte erstens der Ort in diesem leidenden Stadtteil, das Brachland der ehemaligen Zeche Consolidation mit ihren Schächten 3, 4 und 9, deren Symbol nun im Blickfeld der Schulkapelle erscheint: der filigrane denkmalgeschützte Förderturm. Es fügte zweitens die pädagogische Idee, die wie die architektonische aus der Situation aufgeblüht ist und deswegen nicht nur den Schülern, sondern dem ganzen Stadtteil als kulturelle Mitte dienlich sein möchte und deswegen viel mehr ist als eine gewöhnliche Lehranstalt. Deswegen ist es nicht nur von anekdotischem Reiz zu wissen, daß sich der Direktor und der Architekt, die Professoren Rainer Winkel und Peter Hübner, ein unschlagbares Paar nannten, das sich hier spät, aber im richtigen Augenblick gefunden habe: die Lehr- und Erziehungsvision des einen findet sich in der Architekturvision des anderen wieder.

Vision? Doch, schon, nur daß sie zum erstenmal so und nicht anders in den Alltag einer Schule komplimentiert worden ist. Daß das Vorhaben geglückt ist, bemerkt man, sobald der Architekt in Bismarck zu Besuch kommt und von den Schülern erkannt wird. Dann laufen sie herbei, schreien „Hallo, Peter!“ und reichen ihm strahlend und auffallend artig die Hand. Sie kennen sich; man sieht, daß sie sich sympathisch sind. Sie haben ja auch wochen– und monatelang zusammengearbeitet und gemeinsam an selbst gebauten großen Modellen ausgetüftelt, wie ihre Klassenzimmer aussehen sollten. Klassenzimmer? Klassenhäuser mit eigenen Nebenräumen! Das heißt doch, daß der Architekt und die zu behausenden Schüler sich gegenseitig ernst genommen, auf einander gehört, von einander gelernt– und gemeinsam etwas zustande gebracht haben.
Der pädagogische Kodex der Schule basiert auf vier Vorsätzen, die in dem Kürzel FELS versammelt ist. Es sind die Anfangsbuchstaben für die Familien-, Erziehungs-, Lebens- und Stadtteilschule, und das bedeutet: erstens, eine familiäre Atmosphäre zu erzeugen, um die ebenso deprimierenden wie deklassierenden häuslichen, geistigen sozialen Mängel zu kompensieren – weswegen zu jeder Klasse grundsätzlich ein Lehrertandem aus Mann und Frau gehört; zweitens bedeutet es, das offensichtliche Defizit daheim an „guter Erziehung“ zu beseitigen – weswegen ausdrücklich Kinder jeglicher Konfession gemeinsam „aus einem Glauben, aber nicht für diesen Glauben“ unterrichtet und erzogen werden: Religion ist Pflichtfach. Drittens wird versucht, weniger auf Belehrung als auf alltägliche Erfahrung zu bauen – weswegen das Lernen nicht nur mit dem Kopf, sondern „mit Herz und Hand“ geschieht, mit Musik, Theater, Handwerk, mit Sport und Spiel. Und viertens wurzelt die Schule, die deswegen auch eine bis in den Nachmittag dauernde Ganztagesschule ist, in ihrem Stadtteil – weswegen viele ihrer Einrichtungen allen seinen Bürgern offen stehen. Viele Patenschaften wurden gegründet, jetzt hofft man auf weitere, zum Beispiel mit Handwerksmeistern.

Welch ein Glück also, daß der Erziehungswissenschaftler eingeladen worden ist, seine an der Hochschule der Künste zu Berlin ausgearbeitete Theorie einer Schule, die sich als „Haus des Lebens und Lernens“ begreift, hier in die Praxis umzusetzen. Und ein Glück, daß der im schwäbischen Neckartenzlingen ansässige, an der Universität Stuttgart lehrende Architekt Peter Hübner als strahlender Sieger aus dem internationalen IBA Wettbewerb hervorgegangen ist. Bestandteil seines Entwurfs war nicht nur die „Architektur“, sondern war die gesamte Konzeption, war die Komposition des ganzen als ein ineinander greifender Organismus, war aber auch die Ausarbeitung der Einzelheiten zusammen mit Lehrern, Schülern, Bürgern. Dazu gehört, daß die Schule wie eine kleine Stadt angelegt ist. Deshalb heißen ihre Gebäude auch wie die in der Stadt, nicht Verwaltung sondern Rathaus, nicht Mensa, sondern Wirtshaus, nicht Aula, sondern Theater und vier Fachklassenhäuser nennt man Laboratorium, Kino, Atelier und Apotheke. Und also fungiert der Schulhof als Marktplatz, als Oase, wo man unter den winzigen filigranen Blättern eines in Florida gebräuchlichen Alleebaumes der Sorte bucida buceras sitzt.

Diese Schul-Stadtmitte durchzieht ein Boulevard, dessen topographische Unebenheiten man nuanciert in den Beinen spürt. Und er endet auch nicht irgendwie und irgendwo, sondern führt in den Dreiviertelkreis der Werkstätten, deren umarmende Gebärde von wohltuend unbewußt beschützender Wirkung ist. Seitab, erkennbar als ein selbständiges Bauwerk, lockt die große lichte Sporthalle mit ihrer gänzlich anderen, einer eleganten Konstruktion aus Stahl, Holz und Glas und ihrer über den Glasoberlichten schwebenden Venturi- Flügel, die Hinweis auf ihren ökölogischen Betrieb geben.

Keine Architektur ist imstande, Menschen besser oder schlechter zu machen; entscheidend ist immer, was in ihr geschieht, wie man sie benutzt. So ließe sich in der Evangelischen Gesamtschule leicht auch eine Paukschule vorstellen, deren Motto Disziplin und Unterwerfung wäre; nichtsdestoweniger steckt sie voller Verlockungen für das ganze Gegenteil, das gottlob hier angestrebt wird.

Das wichtigste Kennzeichen dieser Architektur, wie sie Peter Hübner seit vielen Jahren entwirft, ist das Holz, aus dem sie gemacht, genauer: aus dem sie konstruiert ist. Man soll’s sehen. Deshalb spielen die Konstruktion und die ihr innewohnenden dekorativen Reize eine große Rolle. Wohl nirgendwo zeigt sich die schmückende Kraft dieser ausgeklügelt einfachen Architektur so bildkräftig wie in der quadratischen, allen Christen wie Muslimen zugedachten Kapelle, deren Decke und deren Fenster an eine Taube mit ausgebreiteten Flügeln denken läßt. Auch in den beiden einer japanischen Architektin aus dem Büro Peter Hübners zu verdankenden Musikzimmern läßt man sich von den Decken faszinieren, mit ihrem aus der Logik der Konstruktion entwickelten anmutigen Muster.

Derlei Betrachtungen kann man an vielen Stellen dieses Häuserhauses anstellen. Daß man außen wie innen unwillkürlich ein Schulstädtchen vor sich zu haben glaubt, liegt deswegen nicht nur an der städtebaulichen Gliederung des ganzen Komplexes mitsamt seinen Klassen-Siedlungen zu beiden Seiten, die noch fünf Jahre lang heranwachsen werden, sondern an der Mannigfaltigkeit der Häuser. Sie erklärt sich durch die verschiedenen Handschriften der jungen Architekten aus Hübners Büro, die alle „ihre“ Häuser nach eigenen Vorstellungen haben entwerfen dürfen. Auf diese Weise entstand diese eigenartige Vielgestaltigkeit des Gleichen, die uns in vielen, namentlich alten Städten entzückt und die hier wie da durch einen für alles verbindlichen Maßstab erreicht worden ist. Natürlich gibt es in dieser Gebäudeversammlung auffallende Pointen – da ist der Entlüftungsturm, der sich am Theater in die Höhe reckt; da ist das schräge Glasdach über dem Marktplatz; da ist der kleine, ungemein wohlproportionierte, von Wasser umgebene Büchertempel mit seinem schmalen Oberlichtband und den drei Spiel- und Lesebuchten, die ihm seitlich angefügt sind und dem Raum eine gemessene Lebendigkeit gibt. Und gewiß wird man von den schweren Wirtshaustischen mit den einfachen Bänken und Stühlen sprechen, vom Theater und den zauberhaft sich verzweigenden Baumstützen, auch von den bunten Keramikscherben, die das Auge an Wänden und auf Böden entdeckt.

Das Schul-Stadtzentrum ist so wie die erste Klassenzeile mit ihren fünf gereihten Häusern vollendet und in Gebrauch. Es hat sich mehr als nur tauglich erwiesen. Die fünf anderen Klassenzeilen werden nun, wie geplant, Jahr um Jahr errichtet werden, nach der gleichen Prozedur mit Lehrern und Schülern. Was Wunder, daß man sich in einer von den Schülern geliebten Schule fühlt. Rührendes Zeugnis ihrer Zuneigung: 24 von ihnen wünschten dem Rektor etwas zum ersten Advent 1999. In den bunten Umschlägen steckten Briefe, Lebenssprüche, Zitate, Malereien, gewidmet dem offensichtlich als väterlich empfundenen Freund, der sie des Morgens am Eingang zu empfangen liebt. Er hat das sich ebenso selbstbewußt wie gelassen präsentierende Schulbauwerk nicht zuletzt deswegen gern, weil es von Licht durchflutet ist und damit den „Sokratischen Eid“ begreiflich macht, zu dem alle Lehrer aufgerufen sind. Formuliert hat diese Verpflichtung der Erziehungwissenschaftler Hartmut von Hentig nach dem Vorbild des hippokratischen Eides der Ärzte. Sie hängt beim Direktor gerahmt an der Wand.

 

Adresse:
Laarstraße 41
45889 Gelsenkirchen – Bismarck

Bauherr:
Ev. Landeskirche v. Westfalen
Albstätter Kirchplatz 5
33602 Bielefeld

www.e-g-g.de

Fertigstellung:
2004 (Klassenhaus 6)

Baukosten (KG 300-400):
ca. 17,0 Mio. € (brutto – ohne Altbausanierung)

Flächen:
NGF ca. 12.750 m²
BRI ca. 53.550 m³

 

Veröffentlichungen:

Auszeichnungen:

 

Haus und Stadt – Lebensräume für Menschen
Peter Hübner

Ernst Haeckel definierte Ökologie als Lehre vom Haushalt der Natur. Er verwendete in diesem Zusammenhang zum ersten Mal den Ausdruck Biotop und Ökotop und meinte damit den Standort, der für eine bestimmte Art die Lebensbedingungen nachhaltig garantiert. Zu den Standortfaktoren gehörte auch die Biozönose, d. h. die Gemeinschaft der Lebewesen, die das Überleben der einzelnen Spezies erst ermöglicht.

Haus und Stadt sind für Menschen im Zusammenleben mit Pflanze und Tier Standorte, die ähnlichen Bedingungen gehorchen sollten. Die allerorts sichtbaren, insbesondere ökologischen Probleme zeigen, dass wir weit entfernt von naturverträglichen Häusern und Städten sind.

Spätestens seit Konrad Lorenz und seinen Schülern Eibl-Eibelsfeld, Lötsch, Schievenhöfel und anderen mehr wissen wir (und sollten auch wir Architekten wissen), in welchem überwiegenden Maße wir Menschen aus dem Unbewußten heraus gesteuert sind und wie gering der Anteil unserer intellektuellen Kontrolle über unser Wohlbefinden tatsächlich ist.

Ohne seine zweite Haut, die Kleidung, und seine dritte, das Haus, ist der Mensch nicht dauerhaft überlebensfähig und das seit soviel Hunderten von Generationen, dass sich in ihm nahezu genetisch die Bedürfnisse nach einem guten Haus festgesetzt haben. Schon bei Kindern ist dies ablesbar an ihrem unermüdlichen Drang, sich Höhlen und Nester zu bauen.

Wenn wir Architekten glauben, dass ohne unser Zutun das Bauen nicht möglich wäre, so irren wir gewaltig. Ob nicht sogar ohne uns häufig ein besseres Bauen, d. h. wirklich menschgerechte und lebenswerte Umwelten erst möglich würden, könnten wir angesichts beliebiger Beispiele aus Architekturzeitschriften jüngster Zeit wahllos abfotografiert, zumindest für den Normalbürger eindringlich beweisen.

Diese Bilder zeigen in erschreckendem Masse, wie weit unser momentanes Bauen, zumindest was die Trends der sogenannten neuen Moderne angeht, sich von den wirklichen Bedürfnissen der Nutzer entfernt haben und wie sehr es oft ästhetischen Kriterien folgt, die fälschlicherweise als ökonomisch und ökologisch ausgegeben werden.

Wohn- und Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten, Büro- und Verwaltungsgebäude sehen alle gleich aus, alle viel zu gerade, viel zu lang, viel zu glatt, viel zu monoton, viel zu machtbedeutend und machtergreifend:

Günther Behnisch nannte dies das undemokratische Bauen und fordert seit langem mehr Platz für das Imperfekte, das Spielerische, das Menschliche.

Wenn ich dies sage, bedeutet es nicht, daß es nicht Spitzenkönner der Reduktion und der neuen Einfachheit wie Peter Zumthor oder Herzog & de Meuron mit einigen Bauten, die außerordentlich komplex und alles andere als eindimensional gedacht sind, das Gege nteil zu beweisen scheinen. Aber die Nachfolger, die Epigonen und die Epigonen derselben verballhornen, diese neue Einfachheit zur neuen Einfältigkeit.
Schon Hugo Kükelhaus und Alexander Mitscherlich haben früh vor den kaltschnäuzigen Bauten der 60er Jahre gewarnt, vor monotonen Städten und fensterlosen Schulen, vor den allzu einfachen Konzepten, die immer für alles und jedes ein 1-dimensionales Rezept zur Antwort haben.

Aber die Welt ist nicht so einfach und wird trotz neuer Medien immer vielfältiger, wobei erschreckend hinzukommt, dass die Ausbildung der in Menschen angelegten Sinne immer mehr verkümmert vor den Computer-Bildschirmen und Fernsehgeräten, wo alles zum Bild erstarrt und nichts mehr zur konkreten Handlung auffordert, wo nur noch Welt aus zweiter und dritter Hand erlebbar wird und wo weder Moral noch Verantwortungsgefühl auf der einen Seite, aber auch echte Sensibilität als Ergebnis des im Menschen angelegten Potentials ausgelebt werden kann. Bereits für heute taugen unsere modernen Häuser und Städte meist nicht für die Welt von morgen und für die Kinder, die unter diesen neuen Bedingungen heranwachsen, erst recht nicht:

Es braucht sinnenanregende, vielfältige Erlebnisräume, die auf der einen Seite herausfordern zur aktiven Teilnahme und zu anderem zutiefst das Bedürfnis nach Behaustsein sowohl im physischen als auch im psychischen und im sozialen Sinne erfüllen. (Abb. 1 – Porto)

Christopher Alexander hat in seinem Werk, insbesondere in „Pattern Language“ Regeln aufgestellt, die ein gutes Haus oder eine gute Stadt auszeichnen, die zum großen Teil immer noch wahr und aktuell sind und die jedem Architekten als Lektüre auf den Nachttisch gelegt gehören.

Er hat in seinem persönlichen Werk nicht den Nachweis angetreten, wie man diese einzelnen Muster in gute und zugleich moderne Architektur überführt, das beweist jedoch nicht die Falschheit dieser Regeln, sondern letztlich nur die Schranken, die er selbst als Architekt nicht überschreiten konnte.

Ich zeige jetzt beispielhaft, wiederum nahezu wahllos, Bilder der historischen, der gewachsenen Stadt, wobei immer und überall die Regeln von Alexander, die Erkenntnisse von den Verhaltensforschern und von Alexander Mitscherlich und Hugo Kükelhaus ablesbar sind und zwar von Trondheim über Stockholm bis nach Lissabon, von Hongkong bis USA, von Afrika bis Südamerika: (Abb. 2 Zeichnung gewachsene Stadt)

Es ist verblüffend einfach, die menschgemässe Stadt bedarf nicht der guten Architektur des Einzelhauses, sondern einer lebendigen, (Abb. 3 Skizze Strassenräume) demokratischen Vielfalt gerade auch von Unvollkommenem. Wer kennt nicht das Gefühl, an einem Ort, in einer Stadt sich richtig wohl zu fühlen und wenn er dann als Architekt sich bemüßigt fühlt, in dieser Umgebung nach guter Architektur Ausschau zu halten, fehlt sie oft völlig. Oder als Gegenbeispiel das Erschlagenwerden von einem Architekturpreis, wenn er nur viel zu groß oder auch zu dominant ist, wie zum Beispiel der Wissenschaftspark Rhein-Elbe in Gelsenkirchen oder das Innere von Mont Ceni in Herne.

Haus und Stadt brauchen beide Individualität, weil nur diese den Individuen, die sie bewohnen, entspricht und insofern lohnt es sich jetzt, herauszufinden, was ein gutes Haus oder gar eine gute Stadt sein könnte.
Die Humanethologen, hier insbesondere Schievenhöfel mit seinen Forschungen in Neu-Guinea, haben festgestellt, dass es kein Urhaus im Sinne eines festgelegten Typus gibt, aber eine Urfähigkeit, sich zu behausen. Banal ausgedrückt konnten sich nur diejenigen zu unseren Vorfahren entwickeln, die in der Lage waren, sich ein Haus zu bauen. Diese Urfähigkeit des Sichbehausenskönnens begegnet uns übrigens auch heute noch bei den meisten Menschen, wenn wir sie nur Ernst nehmen und an der Planung und am Bau ihrer Häuser beteiligen.

Unabhängig davon ob der Innuit nun einen Iglu baut oder der norddeutsche Flachländer ein Strohdachhaus, gibt es- Schievenhöfel folgend – für alle diese unterschiedlichsten Hausformen zehn Anforderungen, die es zu einem guten, menschgemässen Habitat machen.

Ein gutes Haus muß vordringlich physischen, psychischen und sozialen Anforderungen genügen. Es muß selbstverständlich physischen Schutz vor den Unbilden der Witterung geben und es sollte einen Freibereich in Form eines Hofes oder Gartens besitzen, in dem man seine Nachkommen unbeobachtet sicher aufwachsen lassen kann.

Besonders wichtig ist, dass jedes Haus wenigstens einen privaten Raum aufweist, der mindestens acht Quadratmeter groß sein soll, sowie einen zweiten Raum für die sozialen Kontakte, sozusagen das Wohnzimmer. Dieser muß, so unglaublich es klingt, kleiner als acht Quadratmeter sein, weil es nur dann sicherstellt, dass der Mensch mit seinem Mitmenschen wirklich in persönlichen Kontakt gerät, was übrigens jeder weiß, wenn er an eine Party denkt, wo das Wohnzimmer schon längst leer ist, wenn die Küche noch immer voll und zum Schluß im engen Flur der Abschied gar nicht enden will.

Zum Haus sollte jeder Bewohner eine emotionale Bindung besitzen, dieses geschieht am besten durch Partizipation an Planung sowie auch Bau. Nähe zu Wasser und Anwesenheit von Pflanzen sind unabdingbare Voraussetzung für psychisches Wohlbefinden, der Mensch ist Wasserrandbewohner und liebt Pflanzengrün (Phytophilie).

Das Haus sollte in seiner Form nicht x-beliebig sein, sondern einer bestimmten landsmannschaftlichen Gruppierung und insbesondere auch kulturellen Verhaltensnormen zugeordnet werden können und es sollte dauerhaft sein, ohne sich notwendigen Änderungen widersetzen zu wollen.

Die von uns in Selbsthilfe gebauten acht Jugendhäuser erfüllen in hohem Masse diese Kriterien und es war schon erstaunlich, daß ich, als ich einen Vortrag über die Bauweise der Papuas auf Neu-Guinea hörte, meinte, die gleiche Geschichte mit meinen Jugendlichen z. B. beim Bau des Jugendhauses in Stuttgart-Stammheim bereits erlebt zu haben. (Abb. 4 Schnitt Jugendhaus Stammheim)

Diese Jugendhäuser mit ihrer völlig unorthodoxen Art und Weise, wie sie gebaut wurden und der Material-Mischung, die der Not gehorchend genommen werden mußte, haben übrigens meine persönliche Auffassung von Architektur stark verändert. Es konnte nicht ausbleiben, dass man die Phänomene, die man hier angetroffen hat, versuchte, besser zu verstehen.
Dies führte letztlich zu der Erkenntnis, daß Häuser die Art und Weise ihres Gemachtseins nicht vergessen, sondern sozusagen latent verkünden, sodaß auch völlig Uneingeweihte, die keine Ahnung über die Entstehungsgeschichte eines solchen Hauses hatten, irgendwie gerührt vor ihnen stehen und sie so vor jeder Art von Vandalismus schützen, obwohl zum Teil bereits die sechste oder siebente Generation in ihnen lebt. (Studentendorf bzw. Jugendhäuser haben Generationen von zwei bis drei Jahren). (Abb. 5 Luftbild Jugendhaus Stammheim)

Vor das Problem gestellt, dass die Welt nun ja wirklich nicht mehr so gestaltet ist, dass man sie in Selbsthilfebauten sich behausen lassen könnte, haben wir bei unterschiedlichsten Projekten versucht, Teile der Erfahrung in unsere normalen Planungen aufzunehmen, so z. B. beim Kindergarten für die Stadt Stuttgart in der Mörikestrasse. (Abb. 6 1. Skizze Kindergarten Stuttgart, Mörikestrasse)

Der Kindergarten wurde als Häuserhaus, als Zauberberg, als Anhäufung von Starenkästen, als Nest und Höhle für Kinder entwickelt und ist, obwohl es als orthogonaler Bau dem rechten Winkel folgt, eines der komplexesten Häuser, das wir je gebaut haben. Die Kinder nehmen das Angebot des differenzierten Raumgefüges direkt als Aufforderung zum Tätigsein und sind weitgehend ohne Betreuung über viele Stunden im intensiven Spiel beschäftigt, in dem jedes Kind, den vielfältig, aber abstrakt vorgegebenen Raum neu als seine Spielwelt interpretiert, was bei dem einen Schiff, wird bei dem anderen Turm, bei einem dritten Nest, bei einem vierten Höhle assoziieren. (Abb. 7 Foto Kindergarten Stuttgart, Mörikestrasse)

Da bei Kindergärten keine Nutzer befragt werden konnten, mußten wir hier als Planer das Partizipationsspiel selber treiben. Bei einem großen Schulprojekt, nämlich der Freien Waldorfschule in Köln-Chorweiler mit über 350 Schülern, 50 Eltern und 50 Lehrerinnen und Lehrern konnten wir dann im Großen die Partizipation mit Erfolg erproben. Über einen Zeitraum von vier Jahren fanden intensive Planungswochenenden oder – abende statt, bei denen die Wünsche und Träume von vielen großen und kleinen Leuten in unseren (gemeinsamen) Entwurf einflossen. Das Ernstnehmen ist unabdingbare Voraussetzung für einen kreativen Dialog zwischen den späteren Nutzern und seinen Planern. Eine gewisse Art von Demut ist seitens des Architekten nötig, um genau hinzuhören, und dann als Fachmann für Bautechnik, Gestaltung, Kosten und Ökologie usw. Lösungen zu entwickeln, die ohne den Impuls der Laien oft nicht möglich gewesen wären.

Das Bauen mit Bildern wie z. B. der Analogie der Rose (Abb. 8 Rose), die aus ihrer fünffachen Ordnung heraus lebt und sich die Freiheit nimmt, jedes einzelne Blatt zu individualisieren, diente als Grundidee, ein fünf–, zehn–, zwanzig–, sechzigfaches Tragwerk um eine mittlere Stütze anzuordnen und unter diesem die Klassen, wie die Rosenblätter sich jede ihre eigene Form entwickeln zu lassen. (Abb. 9 CAD-Zeichnung – Baumstütze)

Für die Betrachtung Haus =““ Stadt ist interessant, dass das, was beim Kindergarten in der Mörikestrasse noch sehr geordnet als einheitliches Häuserhaus für die Kinder und Indianerpfad um das Gebäude herum gedacht ist, hier tatsächlich in der unterschiedlichsten Gestaltung der verschiedensten Nutzungsbereiche wie Haupthaus, Sporthalle, Werkstätten usw. so etwas wie eine lebendige Vielfalt schaffen konnte.

Besonders „städtische Qualitäten“ hat jedoch der Marktplatz, die Oase, um den herum sich auf drei Geschossen die einzelnen Klassenzimmer gruppieren und es ist so etwas entstanden wie die heitere, gelassene Atmosphäre, wie wir sie von südlichen Städten kennen, die zu einem entspannten Verweilen einlädt (Abb. 10 Oase Waldorfschule Köln). Und so ist auffällig, dass nach jedem Pausenklingeln die Schüler nicht hastig aus der Schule stürzen, sondern den Aufenthalt in der Oase geradezu genießen, woran ohne Zweifel die Architektur sowie das Wasser, die Pflanzen und das Sonnenlicht ihren Beitrag leisten. Was übrigens auch bei Heiligenfeld, einer psychotherapeutischen Fachklinik der Fall ist, die unter ähnlicher Beteiligung der Patienten, Therapeuten und Ärzte entstand.

Mit der Evangelischen Gesamtschule in Gelsenkirchen-Bismarck wurde dieser Weg bisher am konsequentesten weiterbeschritten.

Im Jahre 1993 wurde ein beschränkter, internationaler Wettbewerb für die Evangelische Gesamtschule in Gelsenkirchen-Bismarck ausgeschrieben.
Die Landeskirche hatte zusammen mit der IBA-Emscher Park und der Stadt Gelsenkirchen ein herausforderndes Programm aufgestellt, nämlich für einen unter der Montankrise leidenden Stadtteil mit über 30 % Ausländeranteil und über 30 % Arbeitslosigkeit eine mulitkulturelle Stadtteilschule zu entwerfen, die neben anderen auch zwingend ökologischen Grundsätzen folgen sollte.

Unser Vorschlag, die Schule als kleine Stadt mit großer Beteiligung der Schüler an der Planung und am Entwurf, sowie teilweise auch beim Bau zu realisieren, wurde mit dem ersten Preis bedacht. Insbesondere die utopische „im Jahre 2034 niedergeschriebene“ Geschichte von Kemal Özcül, die als Erläuterungsbericht dem Wettbewerbsbeitrag beigefügt war, wurde als Herausforderung gesehen, diese Vision zu verwirklichen. (Abb. 11 Lageplan Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck =““ EGG)

Über vier Jahre dauerte der Kampf um die Finanzierung, die schließlich von ursprünglich vorgesehenen 60 Mio. auf 45 Mio. gedeckelt wurde, was verständlicherweise zu Einschränkungen geführt hat, die aber letztlich eher das Projekt in der Gesamtheit verdichtet haben.

Jener Kemal Özcül, einer der ersten Schüler, schildert seine Erfahrungen über die Jahre in Gelsenkirchen, in der er die Schule als Heimat und den gesamten Prozess als enorm stimulierend und für seine spätere Karriere als Ökologe empfunden hatte.

Er bekommt im Jahre 2034 den europäischen Umweltpreis für seine Aufforstungsbemühungen in Anatolien und hält seine Dankesrede, eben diesen Bericht, der sozusagen von uns aus der Zukunft in die Gegenwart zurückgebracht wurde und wie ein programmatischer Leitfaden, das ganze Projekt geradezu magisch durchzieht. (Lit.1)

Mit Professor Rainer Winkel wurde einer der leitenden deutschen Reformpädagogen gewonnen, der die Schule als erster Direktor mit ungewöhnlich großem Erfolg leitet. Er spricht von einem kongenialen Zusammentreffen von Architektur und Pädagogik und die meisten, die die Schule besuchen, empfindet dies genauso wie Manfred Sack es im Leitartikel der Einweihungsbroschüre beschrieben hat.

Zitat:

„Deswegen ist es nicht nur von anekdotischem Reiz zu wissen, daß sich der Direktor und der Architekt, die Professoren Rainer Winkel und Peter Hübner, ein unschlagbares Paar nannten, das sich hier spät, aber im richtigen Augenblick gefunden haben: die Lehr- und Erziehungsvision des einen findet sich in der Architekturvision des anderen wieder.

Vision? Doch, schon, nur daß sie zum erstenmal so und nicht anders in den Alltag einer Schule komplimentiert worden ist.“

Heinrich Zille hat behauptet, man könne Menschen mit einer Wohnung wie mit einer Axt erschlagen, dies gilt auch für Schulen in Bezug auf Kinder. Was heute in diesem Zusammenhang alles preisgekrönt und viel veröffentlicht wird, ist oft ein einziger Skandal, der Triumpf notdürftig zusammengekleisterter Armutsästhetik, die für jeden sensiblen Menschen als schmerzhafte Belastung empfunden werden muß.

Durch die Macht des „guten Geschmacks“ „guter Architekten“ werden zur Zeit Milliarden verbaut, die viele Generationen leidvoll werden erleben müssen.

Psychologen, Soziologen, Pädagogen, alle die sich mit dem Menschen und seinen Empfindungen beschäftigen, wissen, wie sehr eine anregende aktivierende Umwelt Voraussetzung für ein zufriedenes Leben und motiviertes Lernen sind.

Heute wird in Architekturzeitschriften geradezu genüßlich von der durch die anscheinend vorhandene wirtschaftliche Not erzwungenen Gefängnisarmut besonders von Schulen geschwärmt und behauptet, daß dies der Architektur nur gut täte. Siehe z.B. den Titel der Bauwelt 10/2000

Zitat:

„Schulbeispiele. Das Leben wird härter. Die Schulbauten werden es auch. Vorbei die Zeit der Verspieltheit und Kuscheligkeit, der Schulen als Abenteuerspielplätze; die entweichen zunehmend ins Virtuelle. Die Realität bevorzugt klare Baukörper und serielle Grundrisse. Sie sind nicht zuletzt Abbild knapper Budgets. Aber: Der Zwang zum Sparen zwingt auch zur Disziplin – was der Architektur durchaus zum Vorteil gereichen kann.“

Die dazugehörigen Bilder zeigen, in welch leichtfertiger Weise man sich hier über die wirklichen Bedürfnisse der eigentlichen Nutzer, die natürlich in diesen Zeitschriften nie gezeigt werden, hinweggegangen wird.

H. Großhans hat in einem interessanten Beitrag siehe DBZ 4/ 2000 Seite 38 – 41 festgestellt, in welch erschreckendem Maße dies inzwischen bei vielen Architekten zumindestens aber bei den Architekturzeitschriften gepflegt wird: (Abb. 12 Schule, Abb. 13 Kindergarten)

Zitat:

„Für wen bauen wir eigentlich? Schon gut: „Der Mensch steht im Mittelpunkt unseres Bemühens… Wir sind seine treuhänderischen Anwälte…“, so steht es in unseren Grundsätzen!
Blättern sie mal Heft 1 und 2 der DBZ durch (Sie können auch andere Fachpublikationen nehmen): Finden Sie einen Menschen in den hinreißenden Architekturen? Wo sind eigentlich die spielenden Kinder^^? Die schweißnassen Sportler? Die stillen Beter? Die wieseligen Büromenschen? Wo sind die Alten, die Kids, die Menschen ohne Arbeit, die Alleinerziehenden und die Elternpaare, die Behinderten? Wir zeigen sie i.a.R. nicht in unseren Hochglanzfotos, in unseren Top-Grundrissen, die Menschen. Denken wir an sie, wenn wir entwerfen und bauen, denken wir an das „richtige Leben“, das sich in unseren Gebäuden abspielt? Ich habe mitunter den Eindruck, dass wir ihn, den Bewohner, den Ab-Nutzer, den Ab-Wohner wie aus den Ab-Bildern unserer Architektur auch aus unserem Denken, aus unserem Konzept und Entwurf eliminieren – wie schon Bruno Taut feststellte in den 20er Jahren: er verunziert nur den stringenten Entwurf.“

Häuser und Städte brauchen die gleiche Vielfalt wie Menschen. Erst die Individualisierung bringt das, was Zustimmung, Verständnis, liebevolllen Umgang mit den Häusern hervorbringt und Vandalismus einschränkt, oder gar ganz vermeiden läßt.

Insofern ist die evangelische Gesamtschule in Gelsenkirchen-Bismarck von uns von Anfang an, als ein ernsthafter Versuch verstanden worden, unter Kenntnis der Bedürfnisse der Kinder zu bauen bei gleichzeitigem Bewußtsein für den Wert der gebauten Welt, wobei ich hier bewußt das Wort Architektur vermeide, denn nach Walter Segal ist z.B. Bauen mehr als Architektur. (Abb. 14 Kinder im Projekt-Unterricht bei der Planung ihrer Klasse)

Die Schule ist eine kleine Stadt, sie besteht aus Marktplatz und Straße. (Abb. 15 und 16 Marktplatz und Strasse EGG).
Am Eingang stehen das Stadthaus (Abb. 17), als Verbindung zum Stadtteil, daneben die Bibliothek (Abb. 18), darüber die Kapelle; dann das Rathaus (die Verwaltung).

Auf der anderen Seite stehen das Wirtshaus (Mensa), dann am großen Marktplatz das Theater (Abb. 19), davor der Kiosk und das Straßencafe unter kleinblättrigen „Black-Olives“, in der Straße dann das Kino (Labor), die Apotheke (Chemie), das Laboratorium (Labor – Abb. 20), das Atelier (Kunst – Abb. 21) und geht man zur nördlichen Türe hinaus auf den Werkstatthof, dreiviertelkreisförmig umschlossen von den Werkstätten (Abb. 22).

Zehn Architektinnen und Architekten unseres Büros haben selbstverantwortlich jeweils eines der Gebäude entworfen, teilweise mit-, teilweise gegeneinander, auf jeden Fall hoch engagiert und für alle Planungsphasen direkt und alleine zuständig.

An Seitenstraßen liegend dann sechs „Reihenhausgrundstücke“, die jeweils ein Klassengebäude mit fünf individuellen Klassen für jeweils einen Jahrgang aufnehmen, der während der gesamten Schulzeit in „seinen“ Häusern bleiben wird. Nicht die Schüler werden die Klassen, sondern die Klassen die Jahrgangsbezeichnungen wechseln. (Abb. 23)
Jahr für Jahr kommt in den nächsten fünf Jahren eine solche Klassenhauszeile hinzu, mit den Schülern geplant und zum Teil gebaut, in einem unglaublich stimulierenden gemeinsamen Projektunterricht (Abb. 24).

Unter meiner Leitung waren jeweils ein(e) Architekt(in) meines Büros für jeweils eine Klasse zuständig, und haben in mehreren Etappen im M 1:10 den Traum eines eigenen Klassenhauses als Modell realisiert (Abb. 25, 26 und 27).

Die Vielfalt der unterschiedlichen architektonischen Ausbildung ist gewollt, wobei auch in Kauf genommen wird, dass nicht alles perfekt ist, im Gegenteil, gerade auch das Imperfekte, das Fehlerbehaftete, erinnert an die gewachsene Stadt (Abb. 28 „zwei der fünf Klassenhäuser“ einer Zeile).

Nebenbei sei erwähnt, dass die Schule zusammen mit Transsolar in allen Bereichen energetisch optimiert wurde und so z. B. beim Saal, bei der Straße und bei der Sporthalle passivsolare Energien nutzt, natürliche Auftriebsenergien für die Lüftung heranzieht und z. B. ohne jede mechanische, d. h. elektrisch angetriebene Lüftungsanlagen auskommt und viele andere überraschende Momente aufweist, so z. B., daß alle Klassen, nicht, wie ursprünglich im Wettbewerb vorgesehen, nach Süden, sondern nach Norden orientiert sind und zwar ausschließlich aus ökologischen Gründen:

Wir glauben, daß sich der unglaublich große Aufwand aller Beteiligten insbesondere auch der Fachingenieure gelohnt hat. Ein Gang durch das Gebäude läßt vergessen, dass man in einer Schule ist, ja wir werden häufig gefragt, wo denn nun die Schule beginne, wenn man sie bereits einmal komplett durchschritten hat.

Das Resümee aus alledem bedeutet, daß Haus und Stadt als Lebensräume für Menschen attraktiv und anregend gestaltet sein müssen. Sie sollten eher kleinteilig und vielgestaltig sein als überschaubar, klar, dominant. Der homo ludens braucht das Abenteuer eher als eine bürokratische Ordnung.

Gute Häuser sind eher additiv aus kleinteiligen Elementen zusammengefügt, denn aus der Unterteilung einer Großform entstanden und insofern ist unser Wohn- und Bürokomplex in Neckartenzlingen, in dem wir leben und arbeiten, immer noch ein gutes Beispiel und mit Sicherheit Anregung gewesen für die über fünfzig Projekte, die seit dem 4. Nov. 1975 entstanden sind, als wir an einem einzigen Tag 230 m² Wohn- und Bürofläche in 23 Polyedern gebaut haben: unter dem Motto „Morgens kommen die Häuser, abends die Gäste“. Bereits viermal haben wir unser Projekt an- und überbaut (Abb. 29 Luftfoto Büro und Wohnung Neckartenzlingen). Peter Cook nannte das Kaktus-city. Es ist ein unglaublich vielfältig verschachteltes Raumgefüge entstanden, das man nur als „Stadt“ als „Altstadt“ als „Kasbah“ beschreiben kann(Abb. 30, 31 und 32). Vielleicht liegt es an diesem Ambiente, dass unsere Mitarbeiter keinen „Feierabend“ kennen, weil sie ihre Zeit nicht in Arbeit und Freizeit teilen, sondern leben. (Abb. 33 Büroatmospäre)

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